Zattomare
 Joachim Strienz · Caracalla und der Schamane

 

 

 

 
 
 
 
 

 

 

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1. Zattomare erwartet den Kaiser Caracalla

Zattomare stand auf einem vorspringenden Felsen und blickte ins Tal hinab. Zunächst sah er nichts, was sich dort verändert hätte. Doch nach einer Weile bemerkte er in der Ferne eine Staubwolke, die sich laufend vergrößerte. Wahrscheinlich waren es jetzt die Leute, die er erwartete.
Er blickte sich um. In einiger Entfernung von ihm standen Cintugene und Luguvale. Sie waren Krieger der Selvaner. Sie hatten ihn bis hierher begleitet. Die Selvaner lebten schon lange in den Alpen. Hier war ihre Heimat.
Beide blickten jetzt mit ernstem Gesicht zu ihm herüber. Sie wirkten angespannt. Jeder hielt den großen Bogen in der rechten Hand. Das Beil steckte im Gürtel und glänzte in der Sonne.
Luguvale drehte sich etwas auf die Seite und nun konnte man auch den Köcher mit den Pfeilen auf seinem Rücken erkennen. Beide steckten in ihren Lederhosen und den Felljacken aus kleineren zusammengenähten Lederstücken. Sie trugen heute nur die leichten Schuhe, denn es war ja Sommer. Ihre Mützen hatten sie in den Nacken geschoben.
Irgendwie herrschte jetzt doch eine gewisse Nervosität. Hier oben zu warten war für alle ungewöhnlich. Sie standen in der Sonne, die sich jetzt fast senkrecht über ihnen befand. Zattomare beugte sich wieder etwas vor und blickte nochmals ins Tal hinab. Jetzt sah er in der Ferne Reiter auf Pferden mit Rüstungen, die in der Sonne blitzten.
Es waren nicht viele, vielleicht etwa 100 Personen. Kein Heer oder gar eine Legion, die sich kilometerlang durch die Landschaft schob. Nein, eine Gruppe von Reitern und sie näherte sich jetzt doch relativ rasch.
Jetzt konnte er die Personen auch besser unterscheiden. Alle sahen sehr prächtig aus. Viel Rot sah er. Und natürlich das Gold der Rüstungen. Etwa in der Mitte der Gruppe und abgeschirmt ritt ein Mann mit einer Schärpe, die wegen ihrer blauen Farbe aus dem Rot besonders herausstach. Sein Pferd war auch besonders prächtig geschmückt.
Das musste derjenige sein, auf den er heute so lange gewartet hatte.
Vor ein paar Tagen war ein Trupp Reiter im Dorf erschienen mit dem zukünftigen Statthalter der Provinz Raetiens Gaius Suetrius Sabinus. Sie waren freundlich gesonnen gewesen, nicht so wie damals vor etwa 200 Jahren, als alle Bewohner von den Römern zunächst gefangen genommen worden waren und erst später dann wieder frei kamen.
Nein, diesmal wollten sie mit Sagomare sprechen. Später unterhielten sich dann auch Sabinus und Sagomare. Worüber sie sprachen, war zunächst nicht erkennbar. Dann holte jemand Zattomare hinzu. Es musste also etwas ganz Besonderes sein, wenn der Schamane selbst dabei sein sollte.
Als sich Zattomare damals gesetzt hatte, begann Sabinus auch zu sprechen. Es ging um den Kaiser selbst, das war das Besondere gewesen. Er war schwer erkrankt und brauchte jetzt dringend Hilfe. Das durfte natürlich niemand erfahren. Das sollte geheim bleiben. Der Kaiser war auf der Durchreise und sollte in etwa 5 Tagen über den Pass kommen.
Er wollte dann weiter bis an die Reichsgrenze reiten. Dort musste gekämpft werden. Er wollte die Feinde zurückdrängen, die immer näher an den Limes herangekommen waren. Die Geduld des Kaisers war nun zu Ende.
Aber, dem Kaiser ging es eben nicht gut. Dass er immer schlechte Laune hatte, daran hatte man sich bereits gewöhnt, aber, dass er manchmal Entscheidungen traf, die niemand verstand, das war eine Belastung. Er konnte auch grausam reagieren. Dann war man seines Lebens nicht mehr sicher. Davor hatten alle in seiner Umgebung Angst.
Seit neuestem war er allerdings auch gelegentlich ängstlich und fürchtete sich vor der Zukunft. Diese Gefühlsschwankungen waren ebenfalls schwer zu ertragen. Außerdem berichtete er über Stimmen, die ihm Befehle gaben, und das konnte nun wirklich niemand mehr verstehen.
Der designierte Statthalter selbst hatte Kontakt mit der Mutter des Kaisers Julia Domna aufgenommen und sich mit ihr beraten. Das war gefährlich, denn, wenn der Kaiser das erfahren hätte, dann konnte er gnadenlos sein. Dann rastete er aus. Deshalb musste auch das geheim bleiben.
Sie war aber bereits informiert. Jemand hatte ihr schon über den Zustand ihres Sohnes berichtet.
Sie hatte dann vorgeschlagen, einen Fachmann einzuschalten, aber es gab niemanden, der bereit gewesen wäre, dem Kaiser zu helfen. Keiner wollte sich auf diese gefährliche Aufgabe einlassen. Und, das war ja auch berechtigt. Mit dem Kaiser war nicht zu spaßen. Ein falsches Wort, und er begann zu toben.
Die Zeit verging, und es wurde tatsächlich niemand gefunden, der bereit gewesen wäre, ihm zu helfen. Allerdings besserte sich auch das Befinden des Kaisers nicht wesentlich. Es musste also dringend etwas geschehen. Nur wie? Und was?
Einflussreiche Leute am Hofe schlugen eine Kur vor. Apollo Grannus war in aller Munde. Dieser Gott könnte ihm helfen. Im nördlichen Reichsgebiet gab es Heiligtümer dieses Gottes. Das Bade- und Trinkwasser in seinen Tempeln war berühmt. Erst kürzlich waren Leute in Phoebiana gewesen und waren begeistert zurückgekommen. Dort musste also der Kaiser unbedingt hin.
Seine Mutter war allerdings ziemlich skeptisch gewesen. Der Geist ihres Sohnes war verfinstert. Sie glaubte nicht, dass Badekuren hier eine Besserung erzielen konnten. Da musste mehr passieren, hatte sie gesagt. Dazu braucht es einen klugen und mutigen Kopf.
Aber, wo sollte der sein. Irgendwann kam Zattomare ins Spiel. Das Volk der Selvaner hatte lange Widerstand geleistet, als die römische Armee das Gebiet in Besitz nahm. Sie hatten das unwegsame Gelände benutzt, um immer wieder zu entkommen. Manchmal waren sie wie vom Erdboden verschluckt. Dann waren sie plötzlich wieder da. Geheime unterirdische Gänge wurden als Grund angenommen.
Die geistigen Führer waren schon damals Zattomares Vorfahren gewesen. Nach dem Feldzug war man gnädig mit ihnen umgegangen. Die Selvaner durften bleiben und ihr Kupfererz weiter verarbeiten. Die römische Armee selbst war aber an diesen Produkten nicht interessiert. Die Werkstätten wären auch gar nicht in der Lage gewesen, in so großen Mengen zu produzieren, wie sie das Militär gebrauchte hätte.
“Zattomare, wir brauchen dich! Der Kaiser ist jetzt in einer schwierigen Lage und damit wir alle auch“, so hatte Sabinus dann gesprochen.
Zattomare hatte sich zurückgelehnt und nachgedacht. Er hatte ja eigentlich gar keine andere Wahl. Wenn er nicht zustimmte, dann würde das sicherlich großen Ärger hervorrufen. Konnte er denn überhaupt dem Kaiser helfen? Gab es dafür überhaupt Möglichkeiten? Wie sollte er das überhaupt anstellen?
Zattomare nickte. „Ich werde dem Kaiser helfen!“ sagte er. Er hatte sich entschieden. Es war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. In diesem Fall hatte es gar keinen Sinn, den Verstand einzuschalten. Er würde seine Hilfsgeister bitten, ihm zu helfen. Und dann würde man sehen, was passierte. Es waren aber sicher mehrere Behandlungen notwendig. Wie dies geschehen sollte, war ihm zunächst nicht klar.
Zattomare sprach weiter:
„Es gibt ja die Welt der sichtbaren Erscheinungen und die Welt der unsichtbaren Kräfte. Es sind die zwei Ebenen der Wirklichkeit. Die sichtbare Welt ist geordnet und entfaltet. Sie liegt direkt vor uns. Es ist die Welt, die wir täglich erleben. Die andere Welt ist noch eingefaltet, also noch nicht direkt sichtbar. Sie ist noch im Entstehen. Zu dieser Welt haben wir noch keinen direkten Zugang. Sie erschließt sich uns nur indirekt. Sie befindet sich außerhalb von Ort und Zeit. Beide Ebenen durchdringen sich aber. Die Dinge der entfalteten Welt wurzeln als Urbilder in der eingefalteten Welt, bevor sie sich manifestiert haben. Sie haben dort ihren Ursprung.“
Was wollte er eigentlich damit sagen? Hierauf setzte er aber seine ganze Hoffnung, wie dem Kaiser zu helfen war.
„Alles ist in der Schwebe und nur Weniges wird dann irgendwann auch zur Realität. Wer entscheidet eigentlich, was schließlich dann dazu wird? Nicht einmal der Kaiser verfügt über diese Macht. Wir kennen diese Prozesse noch nicht. Vielleicht ist es auch nur der Zufall, der alles regelt.“
Er machte eine Pause, um seine Gedanken wieder zu ordnen. Wahrscheinlich hatte niemand verstanden, was er damit eigentlich meinte.
Er hatte vor diesem Gespräch noch rasch seinen dunklen Mantel mit den Kupferplättchen und den silbernen Fäden angezogen. Auf dem Kopf trug er seine rote Kappe. Das verschaffte ihm Autorität.
Sie saßen da und keiner sprach mehr weiter. Alle blickten ihn erwartungsvoll an.
Plötzlich hatte er den Drang aufzustehen. Seine Größe zu zeigen. Und seine Macht. Der Schamane aus den Bergen. Er nahm dabei seine beiden Arme hoch.
„Nichts in dieser Welt ist fest, greifbar oder stabil. Es ist wie bei der Musik. Die Töne fließen, aber sie sind doch miteinander verbunden. Aus diesem Fließen versucht unser Verstand einzelne Teile zu bilden. Diese Elemente lassen uns dann die Welt erkennen. Die eingefaltete Ordnung bestimmt die entfaltete Ordnung. Wir neigen dazu, die entfaltete Ordnung als die wirkliche Welt zu empfinden, denn sie verhilft uns zu Stabilität. Die eingefaltete Welt ist für unser Denken nicht fassbar. Nur der Schamane kann beide Welten miteinander verbinden. Ich werde also diese Aufgabe übernehmen und mein Bestes geben.“
Sabinus sprang nun ebenfalls auf und reichte dem Schamanen die Hand. Am liebsten hätte er ihn umarmt, aber das getraute er sich dann doch nicht. Stattdessen umarmte er Sagomare, der sich inzwischen ebenfalls erhoben hatte.
Die Stimmung war nun gelöst, Sabinus war erleichtert. Er hatte seinen Auftrag erfüllt. Er konnte dem Kaiser jetzt eine Hilfe anbieten.
Sabinus unterrichtete dann beide, wann mit dem Kaiser zu rechnen sei und verabschiedete sich. Rasch waren dann die Reiter zwischen den Felsen wieder verschwunden.
Plötzlich hatte sich alles verändert. Dieses kleine Volk tief in den Bergen erwachte plötzlich. Der Kaiser persönlich, der Herrscher der bisher bekannten Welt würde sie besuchen. Und zwar friedlich. Das war nicht selbstverständlich, denn überall, wo er hinkam, gab es Krieg und die Gegner wurden gnadenlos niedergemacht.
Aber hier oben gab es eigentlich nichts zu holen. Das Leben war karg und hätten die Selvaner nicht schon vor langer Zeit das Schmelzen des Kupfers erfunden, dann wäre alles auch so geblieben. Aber die Gewinnung des reinen Kupfers und seine Verarbeitung waren wirtschaftlich doch sehr erfolgreich. Damit hatten sie es zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. Das wussten natürlich auch die Römer. Aber das Land gehörte ja eigentlich jetzt schon lange den Römern. Sie hatten es vor etwa 200 Jahren bereits in Besitz genommen, als sich die Reichsgrenze immer mehr nach Norden verschoben hatte.
Sagomare schaute den Schamanen Zattomare an und nickte mit dem Kopf.
„Du wirst das schon machen! Du bist unser bester Mann! Ich mache mir um Dich keine Sorgen.“
Sie umarmten sich gegenseitig und Sagomare klopfte dem Schamanen aufmunternd auf den Rücken.

...

 

 

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